Preiskampf schlägt auf Branchenkonjunktur durch

13.01.2010 | Berlin
BVE fordert Verramschen von Lebensmitteln zu beenden - Wettbewerb um Qualität muss Vorrang haben

Die Ernährungsindustrie erzielte 2009 nach Berechnungen der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) einen Umsatz von 149,8 Mrd. Euro. Das entspricht einem Minus von

4,2% gegenüber dem Jahr 2008. Damit verzeichnete die Ernährungsindustrie den stärksten Umsatzrückgang seit Bestehen der Bundesrepublik. Ursächlich hierfür waren zwölf massive Preissenkungsrunden im deutschen Lebensmitteleinzelhandel in 2009 und ein stagnierendes Exportgeschäft. Mengenmäßig blieben Produktion und Absatz von Lebensmitteln und

Getränken konstant.

Die Erlöse im Exportgeschäft konnten 2009 nicht an die Wachstumsdynamik der Vorjahre anknüpfen; sie gingen preisbedingt um 5,3% auf 39,2 Mrd. Euro zurück. Das insgesamt rückläufige internationale Preisniveau und der starke Euro zwangen die Exporteure zu Preisnachlässen, um Marktanteile zu halten. In wichtigen Märkten wie Russland und den USA erschwerten protektionistische Maßnahmen im Zuge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise den Marktzugang.

Die Ernährungsindustrie ist mit 535.000 Beschäftigten nicht nur einer der größten, sondern auch einer der stabilsten Industriezweige und leistet gerade in der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise einen wichtigen Beitrag für Wohlstand, Wachstum und Beschäftigung in Deutschland.

Prognose 2010

Für 2010 rechnet die BVE mit einem nominalen Umsatzplus von 1%. Dies setzt voraus, dass sich die Auslandsmärkte wieder beleben und das Exportgeschäft wieder Fahrt aufnimmt. Laut einer aktuellen Branchenumfrage der BVE erwartet die Mehrheit der Unternehmen stabile Umsätze im Jahr 2010. Rund 80% der an der Branchenumfrage beteiligten Unternehmen und Verbände rechnen jedoch mit keiner Verbesserung ihrer ohnehin schwachen Ertragslage, was zur Folge hat, dass weniger Investitionen getätigt werden und der Abbau von Arbeitsplätzen nicht auszuschließen ist.

BVE fordert Verschleudern von Lebensmitteln zu beenden

Die Preisschlacht um Lebensmittel in 2009 führte dazu, dass die Lebensmittel- und Getränkehersteller für ihre Produkte rund 4 % niedrigere Erzeugerpreise erzielten als noch 2008. Die Verbraucher wurden durch die Preissenkungen des Handels um mehr als 6 Mrd. Euro entlastet - dieses "Konjunkturpaket" hat die Lebensmittelindustrie finanziert.

Die BVE mahnt eine unverzügliche Beendigung des ruinösen Preiswettbewerbes im Lebensmitteleinzelhandel an; Preissenkungsspielräume durch günstiger gewordene Agrarrohstoffe sind längst ausgereizt. Die deutschen Verbraucher - sonst höchst preissensibel - zeigen sich fast unbeeindruckt von den Billigangeboten der Discounter; eine Erfahrung, die gerade auch dem Handel zu denken geben muss.

Die scharfen Preisauseinandersetzungen 2009 fanden vor dem Hintergrund des Kampfes um Marktanteile vor allem im Discount statt, der 44% der Lebensmittel in Deutschland vertreibt. Die hohe Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel ist im vergangenen Jahr weiter angestiegen; mit dem Ergebnis, dass die mittelständischen Lieferanten der Ernährungsindustrie in Deutschland nur noch fünf großen Lebensmittelhändlern mit

einem Marktanteil von 70% gegenüberstehen.

Wie schwierig die Situation im Inlandsmarkt ist, zeigt auch die aktuelle BVE-Branchenumfrage. So erwarten zwar 70% der befragten Unternehmen und Verbände der Ernährungsindustrie höhere Rohstoff- und Energiekosten, jedoch nur 15% glauben, diese Preiserhöhungen auch an den Groß- und Einzelhandel weitergeben zu können.

Kein anderes Land in der Europäischen Union verfügt über ein vergleichbar niedriges Preisniveau für Lebensmittel wie Deutschland. Der Wettbewerb ist hierzulande so hart wie in kaum einem anderen Land der EU, und wird zum Teil mit fragwürdigen Praktiken geführt. Diesen Machtmissbrauch zu unterbinden und wettbewerbsrechtliche Missstände zu beheben, ist Aufgabe der Politik.

Neues Qualitätsbewusstsein für Lebensmittel

Es ist zu befürchten, dass das fortgesetzte Drehen an der Preisschraube nicht ohne schleichende Auswirkungen auf die Qualität bleiben wird. Gesellschaft und Verbraucher verlangen von der Agrarwirtschaft und der Ernährungsindustrie einwandfreie, sichere und hochwertige Qualitätsprodukte, die zudem immer höheren Anforderungen an ökologische und soziale Nachhaltigkeit genügen müssen. Dies kann es aber nicht zum Nulltarif geben!

Als führende Industrienation, die stolz ist auf ihre technologischen Wettbewerbsvorteile, muss es Deutschland endlich auch gelingen, ein neues Bewusstsein, eine neue Wertschätzung für die Qualität unserer Lebensmittel zu entwickeln. Der Wettbewerb in der Lebensmittelbranche muss vor allem über die beste Produktqualität und nicht nur über den niedrigsten Preis geführt werden. Das müssen uns Lebensmittel wert sein!

Gerade die kleinen und mittleren Unternehmen der Ernährungsindustrie und der Agrarwirtschaft leiden massiv unter der gegenwärtigen Situation. Sie verschwinden ohne öffentliche Aufmerksamkeit vom Markt; die Vielfalt unserer Lebensmittel wird auf diese Weise bedroht.

Die Politik muss sich gemeinsam mit der Wirtschaft der Frage stellen, wie ein neues Qualitätsbewusstsein für Lebensmittel entwickelt werden kann, damit den Bürgern der Wert "ihrer Lebensmittel" und der Nutzen eines eigenverantwortlichen Umgangs mit ihnen vermittelt wird.

Klimaschutz in der Ernährungsindustrie

Die Internationale Grüne Woche wird 2010 ganz im Zeichen des Klimaschutzes stehen. Parallel zum Internationalen Agrarministergipfel wird sich die Agrar- und Ernährungswirtschaft mit dem Wirtschaftspodium des Global Forum for Food and Agriculture am 16. Januar 2010 mit

Lösungsansätzen für den Klimawandel und die Sicherung der Welternährung zu Wort melden. Die Kopenhagener Klimakonferenz hat noch keine zufriedenstellenden Ergebnisse gebracht, deshalb ist es umso wichtiger, dass die Wirtschaft ihrerseits konkrete Wege im Klimaschutz aufzeigt.

Maßnahmen des Klima- und Umweltschutzes müssen zielgerichtet erfolgen, d.h. von der landwirtschaftlichen Rohstofferzeugung, über die industrielle Veredelung und die Distribution bis hin zum Verbraucher, müssen die relevanten Einsparpotenziale erschlossen werden. Klima- und Umweltschutz zahlen sich auch betriebswirtschaftlich aus, wie zahlreiche Beispiele aus den Unternehmen belegen. Für die Ernährungsindustrie, die nur 5% der

Treibhausgasemissionen der deutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft erzeugt, sind Effizienzsteigerungen beim Energie- und Rohstoffeinsatz in der Produktion und der Logistik dabei der wichtigste Ansatzpunkt.

Vor dem Hintergrund, dass zur Sicherung der Welternährung noch deutlich mehr Nahrungsmittel produziert werden müssen als bisher, ist eine vollständige Entkoppelung von Nahrungsmittelproduktion und Treibhausgasemissionen ohnehin nicht möglich. Mehr Lebensmittel möglichst klimaschonend zu produzieren, lautet daher die Herausforderung für die Branche weltweit.

Pauschalaussagen über die Klimarelevanz bestimmter Lebensmittel, wie sie häufig zu Bio-, Regional-, Fleisch- oder Milchprodukten zu hören sind, oder Forderungen nach einer klimaneutralen Ernährung ist eine Absage zu erteilen. Politische Vorgaben zur Steuerung des Lebensmittelkonsums, z.B. durch spezielle Verbrauchsteuern oder Appelle zur Verringerung des Fleischkonsums sind ebenfalls keine geeigneten Beiträge zum Klimaschutz, weil sie verkennen, dass die Verbraucher ihre Kaufentscheidung bei Lebensmitteln nach sehr vielfältigen, individuellen Kriterien treffen.

Die umweltbezogene Kennzeichnung von Nahrungsmitteln (Carbon Footprint) leistet keinen geeigneten Beitrag zum Klimaschutz sowie zur Verbraucheraufklärung, weil eine standardisierte Bewertungsmethodik für diese komplexe Thematik nicht zur Verfügung steht. Dies hat auch bereits das Bundesumweltministerium erkannt und lehnt diese Form der Kennzeichnung daher ab.

Power fürs Leben - Essen und Bewegen

Auch 2010 erwartet die Messebesucher am Gemeinschaftsstand der Lebensmittelwirtschaft in Halle 1.2 wieder ein spannendes Programm mit Bewegung, Spaß und Informationen für die ganze Familie. Themenschwerpunkt des gemeinsamen Auftritts der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) und des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) mit Industrie- und Verbandspartnern ist "Nährwertinformation verstehen". Unser Ziel ist es, Verbraucher für die Nährwertkennzeichnung auf Lebensmittelverpackungen zu sensibilisieren

und diese zu erklären.

Quelle: Pressemeldung Bundesverband Ernährung

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